Karfreitagspredigt 2019 – Warum hast DU mich verlassen?

Warum hast DU mich verlassen?

Predigt über Mt 27,1-54

Karfreitag 2019 / Johanneskirche Bühl

I

Offenbar hat niemand damals – liebe Gemeinde – niemand auch nur annähernd erkannt und verstanden, was vor seinen Augen geschah. Darum wird uns auch fast schwindelig, wenn wir diese Geschichte hören von Jesu Verurteilung und Kreuzigung. Wie konnten sie nur? Wie konnten die Menschen so blind sein? Und so unempfindlich, so brutal und roh? Und das mit ihm, mit diesem edlen, liebevollen, königlichen Jesus von Nazareth. Es ist kaum auszuhalten. Natürlich auch, weil wir das Ende der Geschichte kennen. Und weil wir irgendwie von außerhalb zuschauen, den Haupt- und Nebenfiguren damals und den vielen Gaffern. Ja, wenn wir könnten, würden manche vielleicht am liebsten dazwischenrufen und die Geschichte unterbrechen. Doch ob sie uns verstehen würden? Die Leute kommen einem vor wie unter Zwang, als seien ihnen Augen und Ohren verbunden, der Verstand und die Sinne völlig benebelt.

Denn wie kann man nur so blind sein und so brutal und roh? Schon vor dem Hohen Rat und dann dort im Gerichtshof des Pilatus. Schrecklich wie die Soldaten Jesus behandeln, wie sie ihn quälen und demütigen – offenbar zum Vergnügen und zur Unterhaltung der johlenden Menge. So schnell waren der Jubel und die Hosianna-Seligkeit vergessen: gelobt sei der da kommt … aber noch viel schöner, prickelnder und schauerlicher, ihn am Kreuz zu sehen. – So schnell kann’s gehen. Da wird er aus- und wieder angezogen, wie eine willenlose Puppe für eine sadistische Show, einer skrupellosen Jury ausgeliefert. Und natürlich gehen alle Daumen nach unten. Weg mit ihm, Schluss mit dem Spiel; hängt ihn endlich auf!

Woher kommt das, diese Brutalität und Unempfindlichkeit, dass Menschen bei so was zuschauen können? Ja, auch wir zuschauen können, jedenfalls solange es uns selbst nicht an den Kragen geht. Wie ist das mit den Nachrichten und Bildern, die uns erreichen aus aller Welt, schreckliche Geschichten, manche auch in nächster Nähe. Wir schauen zu; wir halten das aus du halten uns fern. Nicht dass wir immer für alles verantwortlich und zuständig sind. Natürlich überfordert uns das. Aber dass wir so viel Unrecht ertragen, solange es uns nicht persönlich trifft, vielleicht sogar erleichtert sind, dass es andere trifft. Dass wir das hinnehmen können? Wie wäre es in unserer Welt, wenn jeder sich nur für einen einzigen anderen Menschen einsetzen würde? – Und hier ging es nicht um irgendeinen Menschen, sondern um den ungewöhnlichsten Menschen überhaupt, den Mensch gewordenen Gott – wie ausgerechnet der römische Hauptmann als einziger am Ende feststellt!

II

So viele Leute waren damals dabei, bei dem unmöglichsten und unglaublichsten Ereignis der Weltgeschichte – und haben nichts kapiert. Obwohl an diesem Tag die Erde bebte und die Welt ins Wanken geriet. Es war unheimlich, und die Spannung war mit Händen zu greifen. Die Schöpfung geriet aus den Fugen, die uralte Ordnung von Licht und Finsternis, von Tag und Nacht. Es wurde dunkel mittags um zwölf! Da wo die Sonne sonst am höchsten steht – wurde es finster. Drei Stunden Nacht, bis mittags um drei, als Jesus endlich starb. Die Sonne, von deren Licht wir auf der Erde leben, war wie ausgeschaltet, zugehängt – mitten am Tag! Übrigens ganz ähnlich wie am Anfang als Jesus geboren wurde und als der große Stern am Himmel stand, auch so ein kosmisches Ereignis. Und auch da hat keiner verstanden, was vor sich ging. Dabei kam nicht nur oben der Himmel, sondern auch die Erde in Bewegung und bebte und die Felsen zerrissen, wie hier berichtet wird. Der Grund und Boden, der uns sonst solide trägt, wurde erschüttert und öffnete sich. Ja es war, als hielte der gesamte Kosmos vor Erregung und Entsetzen den Atem an, als Jesus gekreuzigt wurde.

Und schließlich war sogar die Unterwelt in Aufruhr, die Welt der Toten und Verstorbenen, die unsichtbare Welt. Gräber taten sich auf – wird hier berichtet – und Verstorbene kamen hervor. Und die Frau des Pilatus, des römischen Machthabers in Jerusalem, hatte seltsame Ahnungen und Träume, weshalb sie ihren Mann vor einem Todesurteil warnte. Was für Kräfte waren da am Werk, was für Spannungen, so dass der Vorhang im Tempel zerriss? – Nicht irgendein Vorhang, sondern der Vorhang, der den innersten und allerheiligsten Bereich der Gottesgegenwart verbarg, der Vorhang, hinter den allein die Priester gehen durften, um stellvertretend für das Volk vor Gott zu stehen, – dieser Vorhang riss entzwei, von oben an bis unten aus. So reagierte der Kosmos, die sichtbare wie die unsichtbare Welt auf das Ungeheuerliche, das dort bei Jerusalem geschah. Aber die eigenen Leute haben‘s nicht begriffen.

Dabei haben sogar die römischen Soldaten gemerkt, dass etwas Gewaltiges im Gange war, zuletzt der Hauptmann des Kreuzigungskommandos, der Jesus sterben sah und erschrocken ausrief: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen! Er war es wirklich, Gottes Sohn! – Übrigens auch hier ganz ähnlich wie am Anfang bei Jesu Geburt, als die Fremden, die Sternendeuter aus dem Osten vor Jesus dem Königskind knieten und der jüdische König Herodes tobte und zum Kindermörder wurde.

Der Kosmos, die Schöpfung und die Heiden haben es gemerkt. Aber die eigenen Leute, das eigentliche Gottesvolk, die Menschen, die von Hause aus am meisten von Gott wussten – haben‘s nicht begriffen und haben weder auf die Worte Jesu, noch auf die Erkenntnisse der Fremden noch auf die Erschütterung der Welt reagiert. – Das macht diese Geschichte so unheimlich. Dazu der Spott und Hohn, die Ignoranz und Kälte, die Härte und Gleichgültigkeit angesichts des leidenden Menschen, aller Rechte und aller Würde beraubt, dieses schamlose Gaffen, die Anbiederung an die Macht und die völlige Verkennung und Verdrehung der Tatsachen. Sie haben nichts verstanden!

III

Aber dass wir nun nicht jener falschen antisemitischen Fährte folgen „die unverständigen Juden damals, die dafür später büßen mussten“. Darum ging es hier nie! Es geht um unsere Geschichte. Längst hat uns Christus von unserem Zuschauerposten hineingezogen. Es geht um die Geschichte des Menschen, jedes Menschen. Und es geht darum, wie erstaunlich und unfassbar liebevoll Gott auf die hier zugespitzte öffentliche Bosheit seiner Menschen reagiert. „Wenn Du Gottes Sohn bist, hilf Dir selbst und steig herab!“ – Doch weil er wirklich Gottes Sohn ist, hilft er uns und nicht sich selbst und bleibt am Kreuz und hält das Grauen und die Bosheit aus, ganz bis zuletzt! „Anderen hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen“ – Doch, denn eben so hilft Jesus wirklich – Jesus / Jeschua, sein Name heißt ja übersetzt „der Helfer“. Eben so hilft er: durch seine Hilflosigkeit. Durch seine Ohnmacht am Kreuz bricht Gott die Macht des Bösen und des Todes auf, die Macht der Selbstzerstörung und der Einsamkeit, die uns ins Bodenlose zieht und uns verschwinden lässt so wie in einem schwarzen Loch. In Jesus Christus hebt Gott diese zerstörerische Schwerkraft auf und zieht sie auf sich selbst am Kreuz, lässt sie ins Leere laufen und lässt uns frei!

So wendet Gott das Schicksal seiner Menschen. So öffnet Jesus einen Neuanfang im Ende. Im unerbittlichen NEIN der Menschen öffnet er das noch viel tiefere göttliche JA. Und in der schlimmsten Gottverlassenheit im Tod eröffnet Jesus neu die Lebensgemeinschaft mit Gott, für uns!

IV

Dafür steht jener furchtbare Schrei am Kreuz: „mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!?“ – Unfassbar, auch wenn es ein Bibelzitat ist, dass nicht nur wir Jesus hängen lassen. Sondern dass zuletzt auch Gott ihn verlässt, dass Gott seinen Sohn verlässt? Gerade wo er ihn am allermeisten braucht, sein Sohn, sein Kind? Unfassbar, dass Gott gerade da nicht bei ihm war? Aber wo war er dann? Wo war Gott als er seinen Sohn verließ?

Bei uns war er! Bei mir und Dir, bei seinen Menschen war Gott, bei denen, die ihn nicht verstanden haben und wohl auch nicht verstehen wollten. Er war bei den Spöttern und bei den Gleichgültigen; er war bei seinen selbstgefälligen und selbstgerechten Menschen. Gott war bei uns in unserer Unbarmherzigkeit und in dem ganzen Sumpf aus all dem, was uns umbringt und so sterbenseinsam macht. Gott war bei dir in deinem Schmerz, in der Erschöpfung, in der Unsicherheit. Er war bei Dir in Deiner Todesfurcht und Lebensangst. Da war er, Gott, am Karfreitag. Und dafür hat er seinen Sohn verlassen: damit es Leben gibt, für uns, und Lebensgemeinschaft mit ihm und neu miteinander, damit es Vergebung gibt, auch untereinander und echte Versöhnung und Hoffnung, immer!

Woran denkst Du gerade? Wo stehst Du in dieser Geschichte? Stell Dich in Gedanken ruhig mit dazu – ist auch Deine Geschichte. Und stell in Deine schwierigen Situationen und in die Dunkelheiten unserer Welt – ganz bildhaft in Gedanken – sein Kreuz. Das Kreuz ist aufgerichtet. Und kein Brand, kein Feuer, stürzt es um.

Und der Friede Gottes, der höher ist als wir begreifen, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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