Predigt am Heilig Abend 2019 – Irdischer Frieden

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden

Predigt über Lk 2,1-20

I

Es stimmt, liebe weihnachtliche Gemeinde. Diese Figur stand schon einmal hier vorne, prominent postiert auf dem Altar. Der Engel war tatsächlich schon mal dran! Und ich versuch erst gar nicht, euch hinters Licht zu führen.

Denn natürlich haben viele hier beim alljährlichen Krippen-Casting sehr gut aufgepasst: wer war schon dran und wer darf dieses Jahr ins Rampenlicht?
Ich weiß: der Verkündigungsengel war schon mal dran. So wie das kleine Mädchen, das ich neben ihn gestellt hab – mit den großen Augen, mit diesen riesigen Händen und den beiden abgebrochenen und wieder angeklebten Daumen! Aber heute geht es nicht vor allem um die unterschiedlichen Figuren, sondern um den Stoff, aus dem sie gemacht sind: die rote Erde, der gebrannte Ton. Denn der verbindet alle miteinander.

Vor vielen Jahren hat ein Bühler Künstler Leute aus der Gemeinde für jenes Krippenprojekt gewonnen und hat ihnen gezeigt, wie man das macht: wie man aus rotem Ton Figuren baut und Menschen formt: Maria und Josef, die Hirten und die Sterndeuter, Mann und Frau und dieses Kind; dazu die Tiere: Schafe, Ochs und Esel – allesamt aus Ton gemacht und roh gebrannt, mit rauer Haut und unglasiert. Es sind Persönlichkeiten, einzigartige Gestalten von – na ja, eher herber Schönheit. Designer-Preise oder künstlerische Auszeichnungen gibt es für sie nicht! Sie sind ein wenig ungelenk. Die Proportionen stimmen nicht. Wenn dieser Engel seine Arme sinken ließe, würden sie bis zum Boden reichen. Sein unförmiges und sehr kurzärmeliges Gewand sieht aus wie aus der Kleiderkammer vom Roten Kreuz. Und mit seinen riesigen Händen wäre er der Star in jedem Fußball-Tor. Es dürfte nur keiner auf ihn schießen!

Obwohl – womöglich ist das schon passiert. Denn alle Tonfiguren haben Macken, Risse, Brüche. Da war die Hand mal abgebrochen, dort der ganze Unterarm, dem König hat‘s die Krone abgeschlagen, und der Ochse hat inzwischen ein zu kurzes Bein und muss angelehnt werden. Sie sind empfindlich! Zwar sind fast alle massiv gebaut, nur der Engel ist ein wenig leichter, innen hohl (er muss ja fliegen J). Aber zerbrechlich und verletzlich und empfindlich sind sie allesamt.

Und das passt so gut. Das passt so gut zu uns! Denn so sind wir ja auch. So sind wir alle auch: zerbrechlich und verletzlich und empfindlich. Wir „Erdlinge“ – von Erde bist du genommen und zu Erde sollst du werden. Am Grab sagt man das so. Im Blick auf jene bildhafte Geschichte vom Anfang der Bibel, als Gott den Menschen macht aus Lehm vom Acker, als Gott der Schöpfer sich den Adam macht, aus Ton, so wie ein Töpfer. Adam – der Name ist Programm; denn „Adamah“ heißt „rote Erde“ und „Adam“, der Mensch, bedeutet darum „Erdling“. Von Erde bist Du genommen, zu Erde sollst Du werden. Und noch an anderen Stellen in der Bibel ist von Gott als dem großen Töpfer die Rede und von uns als seiner Hände Werk. Was für ein starkes, tiefes Bild. Wir Erdverbundenen, die wir auf dieser Erde unsere Heimat haben und deren Schicksal und Geschichte unlöslich eng verbunden ist mit dieser Erde – die wir verrückter Weise aber so benutzen, so verbrauchen und mit Füßen treten als hätten wir Ersatz und andere Erden, die uns tragen könnten – uns und in Zukunft unsere Kinder.

Dabei gehören wir zusammen, wir Menschen – alle – und unsere Erde, gehören zusammen als Geschöpfe Gottes. Und wir bräuchten alle allen Schutz und alle Behutsamkeit, die wir nur kriegen können: wir hier und die Menschen, die wir lieben und die Flüchtlingskinder in Griechenland. Denn wir sind alle ebenso empfindsam und zerbrechlich und verletzlich wie diese roten Krippen-Tonfiguren auch. Vor einer Woche war dieses kleine Mädchen mit dabei, bei der Weihnachtsfeier hier im Bühler Frauengefängnis. Ich hab sie reihum gegeben, diese kleine zerbrechliche Gestalt. Und eine Frau wollte sie kaum wieder loslassen – vielleicht hat sie an ihre Tochter draußen gedacht. Wir alle sind empfindlich und verletzlich wie diese roten Krippen-Tonfiguren auch. Ein paar Schicksalsschläge oder andere Schläge – und wie schnell geht bei uns was zu Bruch! Ein paar harte Worte und wie schnell bricht etwas ab – ein Teil von uns, eine wichtige Beziehung. Und es gibt Risse, Macken und Abbrüche, manchmal mit scharfen Kanten. Und wenn es schlimm kommt, gibt es Scherben. Wir sind nicht ganz so roh und nicht so unförmig wie hier die Tonfiguren. Manches können wir ganz gut verdecken unter einer glänzenden Glasur. Manches kriegen wir auch wieder hin, gekittet und geklebt. Und mit mancher Spannung und mit manchem Sprung in der Schüssel lässt es sich leben. Aber verletzlich und zerbrechlich, sind wir alle doch. Auch weil wir oft so hart und unbeweglich sind. Nicht nur die anderen. Du selber auch! Wir stehen alle auf tönernen Füßen. Und sogar dieses Haus hier, unsere Kirche, besteht mit ihren vielen Ziegelsteinen aus gebranntem Ton. Was für ein starkes Bild! So sind wir, so ist unsere Welt, die Erde.

II

Umso unbegreiflicher, dass auch das Christuskind, der Himmelskind und Gotteskind – dass dieses Kind auch aus Erde und aus rotem Ton besteht. Das Kind, das Maria im Arm hält, ist auch von Töpferhand gemacht – hier in unserer Krippe. Und in der wirklichen Geschichte wurde Gott ein Mensch! Gott ließ sich wirklich und leibhaftig mit der Erde ein und wurde wahrhaftig ein Mensch, so wie wir. Das ist das Unbegreifliche dieser Heiligen Nacht. Dass Gott die Seite gewechselt hat und dass der Schöpfer sich mit seiner Schöpfung so verbunden hat. Dass Gott sich formt und sich gleichsam im Ton des Töpfers hineinbildet in seine Menschenwelt: Gott – einer von uns! Das ist das unwahrscheinliche und ganz unglaubliche Ereignis, das wir heute feiern. Dass der Erhabene – empfindsam und verletzlich wird; der Ewige – gefährdet und zerbrechlich; der Mächtigste – so klein, so unscheinbar, so wenig wert – was ist das schon, ein Klumpen Ton! Doch so kommt Gott zur Welt; zu uns auf seine Erde, so wie wir alle auch.

Natürlich war das ein schlechter Deal! Das macht man im normalen Leben nicht. Niemand gibt seine Macht auf, niemand gibt seinen Glanz und seine Überlegenheit freiwillig preis. Das kann nicht gut ausgehen, und es ging auch nicht gut aus. Sie haben ihn am Ende abgeschossen und zerbrochen, aufgerieben und zertrümmert, ein Scherbenhaufen blieb zurück an Karfreitag. Was für ein Irrsinn; was für eine seltsame Geschichte, die mit Jesu Geburt schon vorgezeichnet war. Und doch ist es die schönste und die unbegreiflichste Geschichte der Welt: Dass Gott sich so nach seinen Menschen sehnt, nach seinen hart gewordenen und wenig haltbaren Geschöpfen. Dass Gott so unsere Nähe sucht und darum das Projekt mit seiner Erde nicht einfach beendet und woanders neu beginnt. Sondern dass er mit uns neu beginnt. Was für eine Wertschätzung und Würde, die wir Menschen hier erfahren – alle! – so zerbrechlich aber auch zerstörerisch wir sind. Was für eine unbeirrbare Liebe und Treue, in der Gott uns nicht aufgibt, sondern unsere Form annimmt und unsere Beschaffenheit leibhaftig selbst erfährt. Was für eine tiefe Solidarität, dass  Gott sich uns zur Seite stellt, eine Menschenleben lang, und dass er Hoffnung hat und eine Perspektive, einen Ausweg aus dem Glutofen der Geschichte, in dem wir rau und hart geworden sind: Befreiung und Vergebung, Neuanfang. Dafür steht das Christfest heute!

III

Zwei Anregungen dazu, ganz praktisch, aus der Bibel. Zum einen: Erde Dich! Trainiere dein Standvermögen auf der Erde, die dich trägt. Ich hab im Herbst bei einem Seminar mal nicht richtig zugehört. Eigentlich war dort der Auftrag: Ehre dich selbst, geh mit Dir selbst ehrenhaft um. Verstanden hatte ich allerdings: Erde Dich selbst! Und mit diesem Satz hab ich einen richtig guten Tag verbracht. Steh hin, bleib stehen, sei dankbar für die Erde, die dich trägt; geh gut mit ihr um und freunde dich beizeiten mit ihr an. Denn Du wirst selbst zu Erde werden. – „Seltsames Thema an Weihnachten“, hör ich einige denken. Aber eben darum ist Gott ein sterblicher Mensch geworden, damit wir zuletzt nicht dem Tod und unserer Erdennot ausgeliefert sind, sondern bei ihm geborgen sind und bleiben, – im Leben wie im Sterben, – an Feiertagen und wenn es ernst wird, erst recht. Erde Dich, begreife Deine Endlichkeit & Verletzlichkeit. Und dann geh mit Dir selbst und mit den anderen behutsam um. Erde dich selbst, auch mit den Rissen und den Brüchen, die Du im Lauf der Zeit Dir zugezogen hast. Du musst sie nicht mehr verbergen. Wir sind wie tönerne Gefäße, schreibt der Apostel Paulus einmal; tönerne Gefäße, die einen Schatz in sich tragen: Christus, das Licht der Welt, der unsere Nähe sucht und der durch unsere Risse und Bruchstellen hindurch erst recht und noch viel schöner leuchtet.

Das Zweite ist der Ausruf des Engels beim großen himmlischen Finale mit der gewaltig schönen Lobpreisband, mit der es aus himmlischen Sphären tönt: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden! – Friede auf Erden? Jene große Sehnsucht, diese müde gewordene Hoffnung. Wie wird denn unsere Erde friedlich? Und wir Erdlinge – wie kommen wir zum Frieden miteinander? Indem wir ernstnehmen, was der Engel an erster Stelle sagt und Gott die Ehre geben. Gott die Ehre geben – steht vor dem Frieden! Wie viel Hochmut und wie viel Überheblichkeit erleben wir? Wie viel Egoismus und wie viel Ignoranz erleiden so viele Menschen in unseren Tagen? Im politischen Machtspiel (nicht nur in Amerika und China) und wenn’s um unser Geld und unseren Wohlstand geht. „Ehre sei Gott in der Höhe“ rückt die Verhältnisse zurecht. Gott „first“ –nicht ich. Darum beginnt unser Grundgesetz mit der Verantwortung vor Gott und den Menschen (ein wichtiges Jubiläum dieses Jahr). Damit wir uns nicht überheben. Damit wir die Größenverhältnisse begreifen – uns und allen zum Wohl. Wir sind zerbrechliche Figuren, irdisch und endlich. Und doch so wunderbar und liebevoll geformt, himmlisch geliebt und geadelt. Und wahrscheinlich hat dieser tönerne Engel darum viel zu lange Arme, um möglichst weit und hoch Gott zu erheben und damit sein Arm, wenn er ihn senkt, auch auf die Erde reicht, zu uns.

Und der Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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