Jahreslosung 2021

Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist

Predigt über Lk 6,36 (Jahreslosung 2021) am Altjahrsabend 31.12.2020 Johanneskirche Bühl

I

So genau weiß ich gar nicht, liebe Gemeinde, wann und von wem die Bibelworte ausgesucht werden, die dann jeweils ein Jahr lang als Motto über diesem Zeitabschnitt stehen. Es ist irgendeine Kommission mit evangelischen, katholischen und anderen Christenmenschen … – aber wann die sich treffen und wonach sie entscheiden? Wie auch immer: die Losung für das vergangene Jahr hat trefflich gepasst! „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ sagt der Vater eines sterbenskranken Kindes zu Jesus; verzweifelt bittet er um Hilfe – und Jesus hilft. Der nur versuchte Glauben und das bisschen Gottvertrauen standen seiner Fürsorge und Heilung nicht im Weg. Entsprechend ging es 2020 auch um Krankheit und für viele Menschen um Verzweiflung – eine Herausforderung für unseren Glauben und Anstoß zu viel Misstrauen, nicht nur gegenüber Gott: was ist da los, und wo bist DU in alledem? Dazu das Misstrauen untereinander, im Blick auf die richtigen Schlüsse und Strategien, um der großen Gefahr angemessen zu begegnen. Viel Widersprüchliches, viel Unsicherheit – Glauben und Unglauben, Hoffnung und Furcht, Vertrauen und Misstrauen. Das war 2020.

Nun bin ich wahrlich kein berufener Prophet. Doch was uns für das neue Jahr als Leitwort aus der Bibel ans Herz gelegt wird – ausdrücklich ans Herz gelegt – das scheint mir ebenso treffend und wegweisend für 2021, eine starke Ansage und Orientierung. Ein Doppelwort Jesu, aus der sogenannten Feldrede, die im Lukasevangelium der berühmten Bergpredigt Jesu entspricht:

Seid barmherzig, sagt Jesus, wie auch euer Vater barmherzig ist

Damit beginnt ein längerer Abschnitt, in dem Jesus etliche Gebote und Wegweisungen aneinander reiht: Urteilt nicht vorschnell über andere – denn dann werdet ihr auch nicht verurteilt. Verdammt niemanden – dann werdet ihr auch nicht verdammt. Vergebt einander – damit auch euch vergeben wird. Und seid großzügig – dann nämlich werdet auch ihr großzügig beschenkt. Klare Ansagen mit klaren Konsequenzen. Nur die erste, wegweisende Ansage weicht von diesem Muster ab. Zugleich ist sie der Schlüssel zu dem, was folgt und ist vernetzt mit anderen wichtigen Passagen im Lukasevangelium. Seid barmherzig, wie auch euer Vater (euer himmlischer Vater) barmherzig ist! Ein Doppelwort Jesu, bei dem – und das ist entscheidend – der zweite Satz den ersten trägt. Beiden Aussagen gehen wir nach.

II

Seid barmherzig! Was ist wichtiger in dieser angespannten Zeit, in dieser überspannten Welt!? Seid barmherzig! Barmherzigkeit ist eines der Kernworte und Herz-Worte des christlichen Glaubens. Ursprünglich hieß es „armherzig“ aber nicht im Sinne von armselig, sondern: „mit einem Herz für die Armen“. Aufmerksamkeit für die Not und Unsicherheit von Menschen; Offenheit für das Schwache und für die Schwächen, die der andere ängstlich zu verbergen versucht. Ein freundliches und zugewandtes, aber auch respektvolles Hinschauen, auch auf die Verwirrungen, Verstörungen, Verwundungen, die Menschen in sich tragen – die alle Menschen in sich tragen. Ein liebevoller und warmer und darum erst mal fragender und wahrnehmender Blick auf den Menschen, der mir gegenüber steht. Wie oft überholen wir uns selbst mit einem harten Urteil, bevor wir wirklich hingeschaut und hingehört haben, bevor wir wirklich wissen oder wenigstens versuchen zu verstehen, was den anderen umtreibt, was die andere bewegt. Oder sind wir so schnell im Angriff, weil wir selbst so unsicher und empfindlich sind? Ist unsere Härte manchmal eine hilflose und doch zerstörerische Form der Selbstverteidigung? – Seid barmherzig! Manchmal vielleicht auch zuerst mit euch selbst und mit den eigenen Schwächen und mit den eigenen Verformungen! Und dann barmherzig mit den eigensinnigen Kindern und mit den eigensinnigen Eltern, und mit der erschöpften Partnerin und mit dem verlorenen Freund und mit der schwierigen Schwester und mit dem nervigen Kollegen und mit dem Gesundheitsamt und mit den Verantwortungsträgern, die gerade jetzt so schwierige Entscheidungen treffen müssen und vielleicht sogar mit einem angeschlagenen Donald Trump. Seid barmherzig! Mit denen, die anders denken und querdenken und radikal denken und rechts oder links denken oder gar nicht mehr mitdenken wollen. Seid barmherzig! Versucht es wenigstens. Übt es und arbeitet euch ab an diesem Gebot Jesu.

Natürlich macht das Mühe und kostet Kraft. Denn Barmherzigkeit ist alles andere als eine sanfte Tugend für gefühlsduselige Weicheier. Das ist keine Sofie-Masche für hilflose Schwächlinge. Das gehört zum Anstrengendsten, aber auch zum Stärksten und zum Wirkungsvollsten. Und ist zugleich so bezwingend und befreiend für uns selbst. Vor 30 Jahren wurde der gestürzte und auf ganzer Linie gescheiterte ehemalige Staats- und Parteichef Erich Honecker mit seiner Frau Margot in einem Pfarrhaus aufgenommen, in Lobetal in Brandenburg. Die Behörden hatten keine Wohnung gefunden, wo dieser kranke und geschwächte 77jährige unterkommen konnte und geschützt war. Und dann fand dieser mit so viel Schuld beladene, gebrochene, gestürzte Mann Zuflucht ausgerechnet bei denen, die er zuvor brutal und verleumderisch bekämpft hatte. Barmherzigkeit ist nichts für Feiglinge und nichts für schwache Nerven. Barmherzigkeit ist – erst recht in dieser verwirrenden und unsicheren Zeit – eine der stärksten Kräfte, um unsere Welt zum Guten zu verändern, um Menschen zu gewinnen auch für den Glauben, fürs Vertrauen, für ein Leben auf Augenhöhe, für die Bereitschaft nachhaltig unsere Welt zu heilen und zu erneuern – diese von Gott geliebte Welt, die Christus als den Heiland mehr als alles andere braucht!

III

Seid barmherzig, sagt Jesus, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist! Dabei ist dieser zweite Teil tatsächlich der entscheidende. Weil er die Weisung Jesu wie die folgenden Gebote trägt und in Kraft setzt. Entscheidend ist die uns zuvor kommende Barmherzigkeit Gottes! Denn Jesus weist nicht auf den Vater wie auf Vorbild hin. Er fordert uns nicht dazu auf, Gott nachzuahmen und es ihm gleichzutun. Wer könnte das!? Nein, es geht darum, vor Gott ehrlich dazustehen und die eigene Bedürftigkeit wenigstes ihm zu zeigen, meine Not, die Schuld und die Erschöpfung, die offenen Wunden und die Narben, die noch immer wieder schmerzen, die unverdauten Kränkungen und meine Unsicherheit und meine Menschenfurcht – mit all dem unverstellt der Barmherzigkeit Gottes begegnen, jener herzlichen Barmherzigkeit, von der Zacharias zu Beginn des Lukasevangeliums so überwältigt singt (Lk 1,78-79). Jener Barmherzigkeit, die in der starken Geschichte vom Barmherzigen Samariter sichtbar wird und sehr konkret (Lk 10,29-37) – so geht Gott mit uns um. Jener Barmherzigkeit, die uns erlaubt, Gott auch so anzusprechen, wie ein Kind: Vater! – so lehrt uns Jesus beten, schenkt uns das Vaterunser (Lk 11,2-4). Jene Barmherzigkeit, die Jesus uns bezwingend liebevoll vor Augen stellt in der Erzählung vom verlorenen Sohn – oder besser: vom barmherzigen Vater (Lk 15,11-32). So, sagt Jesus, ist euer Vater im Himmel: barmherzig. So sieht er euch. So geht er mit euch um. So seid auch ihr willkommen bei ihm. So kommt er euch entgegen, in mir. Dahin kehrt zurück, immer wieder. Daraus holt euch Freiheit, Kraft und Mut für eure weltbewegende und weltverändernde Barmherzigkeit.

Es ist so wie mit diesen Herzen, die wir beim Gottesdienst für unsere vielen Ehrenamtlichen verschenkt haben: diese kleinen Hand- und Taschenwärmer. Sie funktionieren nach einem einfachen mechanisch-chemischen Prinzip und sind dabei ein starkes Bild für Jesu Weisung und die neue Jahreslosung: Denn wenn man hier die herzliche Warm-Herzigkeit in Gang setzt (indem man das kleine Metallpllättchen knickt) und wenn man dann ein Herz in die Hand nimmt oder an einen Frierenden verschenkt, dann kommen Wärme und Lebendigkeit, Kraft und Barmherzigkeit in unsere Welt. Nur ist halt irgendwann die Wärme und die Kraft verbraucht. Das Herz wird hart und irgendwie verknautscht. Und dann? – Du musst es wärmen, in brodelnd heißem Wasser. Es ist nicht schwer. Wer sozusagen sein Herz wärmt am glühenden Backofen der Liebe Gottes (so hat es Martin Luther ausgedrückt), wer sich aufwärmt in der herzlichen Barmherzigkeit Gottes, der kann von neuem Wärme geben und selbst auch barmherzig sein. Auch Paulus schreibt davon, etwa zu Beginn des 2. Korintherbriefs: gelobt sei der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes (2. Kor 1,3). Oder in den Psalmen: dass Gott uns krönt mit Gnade und Barmherzigkeit (Ps 103,4).

Es ist nicht so wie im Märchen von den Sterntalern: wo das arme, fromme Mädchen alles hergibt, was es hat, an andere Bedürftige, und dann am Ende mit goldenen Sterntalern überschüttet wird. Nein, es ist immer zuerst anders herum: dass wir nicht aus uns selber schöpfen, sondern dass Gott uns gibt, großzügig und überreich, was wir dann aus diesem Schatz selbst reichlich geben können.

IV

Das zeigt sich hier auch auf dem Bild zur neuen Jahreslosung, das wir euch ausgeteilt haben:

  • die warmen Farben – gelb, orange und rot – die für die Glut der Wärme, Liebe und Barmherzigkeit Gottes stehen
  • dazu das große violette Kreuz, das in der Mitte und im Herzen wie verwundet wirkt – der Preis der Leidenschaft und Liebe Gottes, der Preis seiner Hingabe. Violett ist die Farbe der Passion!
  • und mitten durch, von oben nach unten, ein breiter Spalt, die offene Tür, das offene Herz. Gott, der nicht in sich selbst verschlossen bleibt, der sich uns öffnet, der uns mit offenen Armen empfängt. So jedenfalls erscheint mir dieses Kreuz.
  • es hat auch was von einer aufgerichteten Gestalt, mit einem weiten Mantel, mit den ausgebreiteten Armen des barmherzigen Vaters und des gekreuzigten Jesus Christus.

Seid barmherzig – wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist mit euch! Zum Abschluss die Geschichte, mit der Jesus selbst uns die Jahreslosung ausgelegt hat: vom verlorenen Sohn / vom verlorenen Vater – neu erzählt.

Bei einer Bahnfahrt saß ich neben einem jungen Mann, der sehr bedrückt wirkte. Nervös rutschte er auf dem Sitz hin und her, und nach einiger Zeit platzte es aus ihm heraus: dass er ein entlassener Sträfling sei und jetzt auf der Fahrt nach Hause. Seine Eltern waren damals bei seiner Verurteilung tief getroffen, sie konnten es nicht fassen, ihr eigener Sohn! Im Gefängnis hatten sie ihn nie besucht, nur manchmal einen Weihnachtsgruß geschickt. Trotzdem, trotz allem hoffte er nun, dass sie ihm verziehen hätten. Er hatte ihnen geschrieben und sie gebeten, sie mögen ihm ein Zeichen geben an dem er, wenn der Zug an der kleinen Farm vor der Stadt vorbeiführe, sofort erkennen könne, wie sie zu ihm stünden. Hätten sie ihm verziehen, so sollten sie in dem großen Apfelbaum an der Strecke ein gelbes Band anbringen. Wenn sie ihn aber nicht wiedersehen wollten, brauchten sie gar nicht zu tun. Dann werde er weiterfahren, weit weg. Als der Zug sich seiner Heimatstadt näherte, hielt er es nicht mehr aus und brachte es nicht über sich, aus dem Fenster zu schauen. Ich tauschte den Platz mit ihm und versprach, auf den Apfelbaum zu achten. Und dann sah ich ihn: der ganze Baum, über und über mit gelben Bändern behängt („Typisch“, S. 34, Hamburg 2005).

Das gilt an der Schwelle des alten Jahrs und am Eingang ins neue: Gottes Barmherzigkeit, die uns barmherzig macht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als wir begreifen, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen