Weihnachtspredigt 2018: Und es waren Hirten auf den Feldern

und es waren Hirten auf den Feldern

Predigt über Lk 2,1-20
Christvesper 2018 / Johanneskirche Bühl

I
Stille Nacht, liebe weihnachtliche Gemeinde? Vielleicht bei Josef Mohr im Pfarrhaus in Österreich, als jener Geistliche vor zweihundert Jahren dieses inzwischen weltweit bekannteste Weihnachtslied gedichtet hat. – Stille Nacht? Vielleicht in unserer Sehnsucht nach Stille und Frieden nach diesem aufregenden Jahr 2018. Wo es nicht nur politisch viel Lärm gab: Theaterdonner und eitles Getöse, Kriegslärm und Protestgeschrei und die Hilferufe der Schiffbrüchigen im Mittelmeer – weit weg. Aber es gab 2018 auch Unruhe und Lärm bei uns persönlich, vielleicht sogar besonders in den vergangenen Tagen. Ganz abgesehen von der Unruhe in mir drin, die ja kein anderer hört. – Stille Nacht? Nein, nicht wirklich, und auch damals nicht. Denn Geburten sind selten geräuschlos; und dann waren da auch noch die Engel mit ihrem himmlischen Orchester und der Percussion-Gruppe und dem gigantisch großen Chor. Und die vielen Leute, die zur Krippe kamen, die Hirten draußen auf den Feldern und die Herden. Ein Lied, das wir bis heute zu Weihnachten in unserer Familie singen, heißt darum auch: Glaubt nicht, sie war ganz leise, die erste heil‘ge Nacht …, die Könige auf der Reise und die Hirten, die haben Lärm gemacht. Aber damit es nicht zu laut wird, hab ich von dem Hirtenvolk da drüben nur diesen einen kleinen Hirten ausgesucht, der heute während der Predigt auf dem Altar stehen darf, mit Hirtenstab und Hut, mit seinen riesigen Füßen und dem kleinen Kopf.

Kurze Frage: wer war letztes Jahr an Heiligabend auch hier in der Kirche und vielleicht auch in den Jahren davor? Und wer hat überlegt, welche von den Tonfiguren aus der Krippe heute wohl hervorgeholt und ins Licht gestellt wird? – Keine Sorge, das wird jetzt kein Abfragen und niemand hat den Anschluss verpasst. Aber wir sind weitgehend mit den Figuren durch, und die größte Gruppe kommt zum Schluss: die Hirten mit ihren Herden. Da drüben stehen sie, ganz nahe bei dem Engel mit den erhoben Armen; einem fällt schier die Flöte aus der Hand, die anderen schauen entsetzt, vermutlich haben sie geschrien, dazu die aufgebrachten Schafe und der kläffende Hund – Stille Nacht?

Drei Fragen heute Abend:

  1. Zunächst: Warum ist der Engel ausgerechnet zu den Hirten gegangen mit seiner himmlischen Lobpreisband?
  2. Und: was hatte Jesus mit den Hirten zu tun, der kleine und später der große Jesus? Welche Verbindung gibt es da?
  3. Und schließlich: was bedeutet das für uns?

II
Aber zunächst: Warum ist der Engel ausgerechnet zu den Hirten gegangen? Warum hat er denen ausgerechnet Nachricht von Jesu Geburt überbracht, dazu dieses gigantische Galakonzert – für solche Leute? Ganz gewiss war das kein Zufall, etwa weil sonst niemand anders mehr wach war oder weil die Engel sich im Dunkeln verflogen hatten und dann die Hirtenfeuer sahen. Nein, dieser Besuch war gewollt und geplant und ganz gezielt. Weil Gott auf diese Weise die Vergangenheit Israels mit hinein genommen hat in den Neubeginn, die Erinnerung an den Anfang der Geschichte Gottes mit seinem erwählten Volk: nämlich mit Abraham und Isaak und Jakob … – die waren alle Hirten und Nomaden, Nichtsesshafte, die draußen lebten und umherzogen mit ihren großen Herden. An diesen Anfang der Geschichte knüpft Gott an, wenn er jetzt neu Geschichte schreibt.

Denn längst war diese Kultur der Hirten weitgehend versunken. Nomaden waren eher eine Randerscheinung. Längst waren die Leute sesshaft geworden, lebten in Dörfern und Städten als Bauern und Handwerker, Dienstleister und Beamte. Und denen war das Hirtenvolk nicht wirklich geheuer. Die Idylle, wie wir sie heute gerne zeichnen: Schäferromantik und wandernde Beschaulichkeit, war damals schon verkehrt und hat es nie gegeben. Das Hirtenleben war ein Knochenjob: anstrengend, hart und gefährlich. Dazu das schlechte Image: Hirten galten als unzivilisiert und unzuverlässig, Leute, denen man nicht trauen kann, die auch mal was mitgehen lassen. Männer – ja weitgehend Männer, die nach Mist und Erde stinken, nach Tieren und Schweiß. Menschen am Rand der Gesellschaft, draußen, und die am besten auch da draußen bleiben. – Diese Leute sucht der Engel Gottes auf. Jener feine und gepflegte und vermutlich nach Lilien duftende Abgesandte des Höchsten sucht diese Gesellschaft auf. Das heißt: er ging mit seiner wahrlich weltbewegenden Botschaft nicht in das damalige Zentrum der Macht: der Weltmacht in Rom oder wenigstens in den Königspalast zu Jerusalem – also auch nicht zuerst ins Weiße Haus in Washington oder ins Kanzleramt in Berlin. Und der Engel ging nicht ins Zentrum der Religion: in den Tempel des Zeus oder Jupiter oder in den Tempel in Jerusalem, wo die Hohepriester und die Gelehrten doch auf eben diese Nachricht warteten – also auch nicht in den Vatikan in Rom oder zum Oberkirchenrat in Karlsruhe. Nein, der Bote Gottes ging aufs freie Feld, nach draußen in die Wildnis, in die Unordnung und zu den Analphabeten. Am vergangenen Donnerstag waren wir – also die gleiche Besetzung mit dem Flötenkreis – zur Vorweihnachtsfeier im Bühler Frauengefängnis. Und nun stellt euch vor: wir bekämen eine neue Bundeskanzlerin oder einen neuen Vorsitzenden des Bundesverfassungsgerichts – immerhin der dritte Mann im Staat. Und diese Nachricht würde gezielt nicht durch den Regierungssprecher und das Bundespressezentrum verkündet, sondern der zuständige Staatssekretär würde persönlich zuerst ins Bühler Frauengefängnis fahren und dort exklusiv den Gefangenen berichten. Ähnlich ungewöhnlich, ja bizarr ist diese nächtliche Aktion, die wir vorhin aus dem Lukasevangelium gehört haben. Gott stellt – offenbar mit großem Vergnügen und mit viel Humor – die Ordnung in der Welt mal eben auf den Kopf. Hätte nicht wenigstens der Bürgermeister oder der Stadtpfarrer von Bethlehem informiert werden können? Aber Gott schickt seinen Oberengel zu den Hirten, nach draußen in die Dunkelheit zu diesen zwielichtigen Gestalten.

III
Warum? Weil das dem Wesen Jesu entspricht und seinem Auftrag. Und damit sind wir beim Zweiten: Was hatte Jesus mit den Hirten zu tun? Welche Verbindung zeichnet sich hier ab? Wieder müssen wir erst mal einen Schritt zurück in die Geschichte. Denn König David – und an ihn schließt Jesus an als „Davids Sohn“ (so wird er später genannt) in Davids Herkunftsstadt in Bethlehem. Denn König David war auch ursprünglich ein Hirtenjunge, der jüngste in einer Familie mit starken und aufrechten und stolzen Brüdern. Und dann war ausgerechnet er der Erwählte – der Kleinste, den keiner beim Königs-Casting auf der Rechnung hatte. Und das passt zu der Geschichte Jesu, zu diesem unehelich gezeugten Sohn der Teenagermutter Maria. Mit einem solchen Kind hatte auch keiner gerechnet. Obwohl es immerhin in der Bibel stand. Wir haben die Worte aus dem Propheten Micha ja vorhin gehört.

Und so wurde Jesus auch ein König und ein Hirte, allerdings von eigener und anderer Art: der gute Hirte, der sein Volk Israel und mit ihm alle Menschen weidet, der uns durch die Wildnis dieser Welt führt und zuletzt durch das finstere Tal der Todesschatten, der dort sein Leben lässt für seine Herde, der sich dem Raubtier in uns entgegenstellt und sich zerreißen lässt, damit wir davon kommen und leben. So ein Hirte ist Jesus geworden, der mit dem Stecken und dem Stab uns tröstet, mit seinem Kreuz. Der „Heiland“ – was für ein schönes altes Wort – der heil macht, was uns an Leib und Seele kränkt und schmerzt und irgendwann umbringt. „Fürchtet euch nicht“ – das sind die Worte, die Jesus selber später immer wieder sagt: den Kranken und den Angegriffenen, den Erschöpften und Enttäuschten, den Ängstlichen mitten im Sturm auf dem See, den Freunden, denen er am Ostermorgen das Grab geöffnet hat, die Tür zu einem neuen Leben in einer neuen Dimension und Qualität. „Fürchtet euch nicht“ – wovor fürchtest Du Dich in diesen Tagen: Schatten deiner Vergangenheit; Verwirrungen und Spannungen in Deiner Gegenwart; Ungewissheit und Furcht vor dem, was kommt? – Fürchte dich nicht! Siehe ich verkündige euch – und eben heute Dir: große Freude, groß genug, so dass es für alle Menschen reicht. Nicht nur bis zu den Leuten in der Reihe vor Dir oder nur für die, die öfter in die Kirche gehen und irgendwie halt richtig glauben können. Nein, es gilt wirklich Dir: Fürchte Dich nicht! Denn, der da in die Welt kam: der König, Gott selbst in diesem Kind – ER hat tatsächlich Dich gemeint und Dich im Blick!

IV
Und damit sind wir beim letzten Punkt, nämlich was das für uns bedeutet: diese Hirtengeschichte und der Glanz in der Nacht, die Nachricht des Engels und die überirdisch schöne Musik. Es bedeutet für uns: dass Gott sich nicht an hohe Feiertage und an besondere Räume bindet. Sondern dass er bis heute unerwartet da auftaucht, wo wir kaum mit ihm rechnen: im Alltag und im ganz normalen Leben. Da kann es geschehen, dass Gott den Vorhang zur Seite zieht und uns seine Wirklichkeit neu zeigt, nämlich dass der Himmel offen steht und dass er leuchtet in unser gewöhnliches Allerlei und in unsere Finsternis hinein. Dass Gott mich überrascht an meinem Arbeitsplatz und dass er auf meinen Spannungsfeldern auftaucht, da wo Mist gebaut wird und wo’s mir stinkt, bei all dem Geblöke und Gemecker und wo ich manchmal kein Bock mehr hab, wo mir das Feuer fast erlischt und wo es kalt wird in meiner Nacht. Da ist Gott gegenwärtig, unerwartet, schon die ganze Zeit, und macht jetzt das Licht an und lädt uns zum Mitsingen ein.

Und wenn wir dann so wie die Hirten losgehen und nachprüfen, ob das denn auch so stimmt, was wir hier hören dann werden wir auch fündig werden und Gott begegnen in einem gewöhnlichen Stall, in Deinem Alltag und hier in der Gemeinde und in der Bibel – das ist heute seine Krippe, in der wir ihn finden. Oder im März beim Glaubenskurs, wo wir gemeinsam nachfragen und prüfen, ob sich den wirklich was verändert durch das Vertrauen auf Christus, in unserem Leben und in dieser schrecklichen und schönen Welt? Lasst uns hingehen und nachsehen, so wie die Hirten. Für gewöhnlich waren das eher schweigsame Leute und große Reden konnten sie nicht. Aber diesmal mussten sie einfach reden und überall davon erzählen; und wahrscheinlich haben sie sogar herzlich gelacht und laut und innig gesungen, die Melodie der Engel noch im Ohr: Ich steh an Deiner Krippe hier … Komm mit!

Und der Friede Gottes, der höher ist als wir begreifen, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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