Dass wir Gottes Kinder heißen sollen, Predigt über 1. Johannes 3, 1-2

 

Christfest 2017 / Johanneskirche Bühl

 

I

„Sieh nicht an, was Du selber bist“ – ein unbekanntes Weihnachtslied von Jochen Klepper. Ein Lied gegen die festen Bilder, die wir im Kopf haben, die festgefügten Bilder nicht nur von anderen Menschen, sondern auch von uns selbst. Ein Ansingen gegen die persönlichen Festlegungen und die eigene Mutlosigkeit, wenn sich nach so viel Weihnachten feiern und Heiliger Nacht mein Glauben und Leben immer noch nicht spürbar deutlich erneuert haben. Klepper rüttelt uns in diesem Lied brüderlich auf: bleib nicht an Deiner alten eingespurten Perspektive hängen. Übe es beharrlich, Dich selbst von Gott her neu zu sehen. Weil er uns – das hören wir heute wieder im Bibelwort zum Weihnachtsfest – weil Gott uns offenkundig völlig anders anschaut als wir selbst. Allerdings klingt der folgende Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief erst mal nicht sehr weihnachtlich. Weil die vertrauten Requisiten fehlen: der Stall, Maria, die Krippe und das Christuskind. Und doch führt uns der folgende Abschnitt geradewegs in das Geheimnis des Weihnachtswunders hinein.

Lesung: 1. Joh 3,1-2

Gebet:    Lieber Vater. Zeig uns, was das heißt, dass wir durch Christus Deine Kinder geworden sind. Amen

 

II

Was das mit Weihnachten zu tun hat? Ganz einfach – und von wegen einfach: Gott ist ein Menschenkind geworden, damit wir Menschen Gottes Kinder werden! Noch einmal: Gott ist ein Menschenkind geworden in Jesus Christus, Marias Sohn, der Neugeborene in der Krippe. Damit wir im Gegenzug Gottes Kinder werden und in seine Familie aufgenommen werden! Darum geht es hier: um Gottes Weihnachtsgeschenk: dass wir durch Jesus Christus seine Kinder geworden sind! Wohlgemerkt – das steht hier extra: dass wir es durch Jesus Christus sind, auch wenn Du’s noch nicht fassen kannst!

 

Ich erinnere mich gut, wie ich als kleiner Junge allein zum Bäcker gehen durfte. Ich reichte damals noch nicht wirklich an die Ladentheke heran, konnte mich aber zwischen den anderen Kunden kaum bemerkbar machen. Aber irgendwie gelang es doch und ich war endlich dran. Nur war die Frage an mich dann nicht etwa: was darf‘s denn sein? Sondern „wem g’hörsch du“ (wem gehörst Du?). Wem ich gehöre? Die Frag fand ich damals seltsam und doof. Wem soll ich denn gehören? Niemandem, höchstens mir selbst. Ich weiß nicht mehr, was ich damals gesagt habe, die Weckle hab ich schließlich bekommen. Aber später hab ich schon verstanden, dass es darum ging: wohin gehörst Du? Wo bist Du zuhause? Wer sind Deine Eltern, und wer gehört noch zu Deiner Familie?

 

Das ist eine der Schlüsselfragen unseres Lebens: die Frage nach der Herkunft und nach der Zugehörigkeit, nach der Familie, in der ich aufgewachsen bin. Denn meine Familie hat mich geprägt bis tief in mein Denken und Empfinden hinein. Und auch wenn ich – das muss so sein – wenn ich mich mit der Zeit aus meiner Herkunftsfamilie löse, und wenn ich kritisch werde, und manche Dinge anders sehe und anders halte, so geschieht doch auch das in der Auseinandersetzung mit meiner Familie – manchmal unbedacht, manchmal auch sehr konkret und spannungsvoll. Denn wir tragen sie ein Leben lang in uns: die Mutter und den Vater – obwohl das manchmal mit zum Schlimmsten gehört, was andere uns sagen können: „wie deine Mutter / ganz wie Dein Vater“. Denn manche Erbstücke würden wir gerne zurückgeben oder wenigstens umtauschen. Aber auch hier hilft erst mal der Perspektivwechsel zu den wirklich guten Prägungen und zu den kostbaren Erfahrungen, die wir unseren Eltern verdanken: mein Leben, meine einzigartige Gestalt, manche Begabungen und so manche „Lerngeschenke“, an denen wir uns standhaft abarbeiten. Da also kommen wir her. Und aus diese Familiengeschichte und meine Familiengeschichte gehört unlösbar mir dazu. Es gibt niemanden, mit dem ich gleichermaßen eng verbunden bin so wie mit meinen Eltern und später – wenn es mir gegeben ist –mit meinen Kindern. Denn im Unterschied zu Freunden und auch zum Lebenspartner haben wir als Kinder und Eltern einander nicht ausgesucht und dann bei Amazon bestellt, mit Rückgaberecht. Sondern wir haben einander einfach so empfangen so wie wir nun mal sind. Diese Art der Beziehung ist einzigartig, manchmal auch schwierig, für Eltern wie für Kinder. Und doch gehört diese tiefe Nähe und unauflösliche Verbundenheit mit zum Wunderbarsten, was es gibt. Wie nah liegen manchmal die Momente beieinander, in denen ich meine Kinder auf den Mond schießen könnte und ein paar Augenblicke bin ich einfach nur begeistert und dankbar (nicht nur abends, wenn sie schlafen).

 

III

Darum ist Kindsein – wenn es gut geht – etwas Herrliches, dieses unverschämte schöne Recht der Kinder, jederzeit bei ihren Eltern Nähe, Schutz und Wärme zu bekommen, jederzeit auf ihren Schoß klettern zu dürfen. Klein sein und noch üben dürfen und manchmal unerträglich sein dürfen und alles den Eltern zumuten. Natürlich reagieren Eltern auch und setzen Grenzen. Doch kommt es dabei niemals zum Verlust der Kindschaft. Das Kindsein bleibt. Es ist nicht aufkündbar. Und das bedeutet für die Kinder eine herrliche Geborgenheit und Sicherheit und schafft erst jenen Freiraum, in dem sie sich entfalten können, lernen, auch Fehler machen dürfen, mal in den Tag hinein leben. – So ist das, wenn es gut geht mit der Elternschaft. Dass es nicht immer nur gut geht, dazu könnte hier vermutlich jeder etwas beitragen – eigene und fremde Geschichten. Aber bleiben wir beim Positiven, zumal es in unserem weihnachtlichen Bibelwort gar nicht um menschliche Eltern geht, sondern um Gott als Vater, um Gott, der in Jesus Christus auch unser Vater geworden ist.

 

Das nämlich ist der Punkt. Dass wir durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes in ein neues Verhältnis zu Gott kommen, das es vorher so nicht gab. Wir werden durch Jesus Christus etwas, was wir aus uns heraus nicht waren und nie geworden wären: Gottes Kinder, nicht mehr nur Kinder unserer Eltern, sondern nun auch von Gott her angenommen als sein Kind.

 

Allerdings nicht in dem Sinn, wie Jesus Christus Gottes Sohn ist. Nachher werden wir es im Bekenntnis aussprechen: er ist eines Wesens mit dem Vater und hat seinen ewigen Ursprung in ihm. So ist das bei uns natürlich nicht. Wir sind nicht göttlich. Aber Gott hat uns – so steht es hier: Gott hat uns als seine Kinder angenommen, also adoptiert. Und zwar – so gilt das auch in unserem Adoptionsrecht – mit allen Rechten und Pflichten. Darum ist davon die Rede, dass Christen das Reich Gottes „erben“ werden. Die Erbberechtigung ist Ausdruck jener unauflöslichen Beziehung, in die uns Gott hineinversetzt hat.

Und das ist wirklich umwerfend und stark! Denn schließlich hätte Gott uns auch zu seinen Dienern machen können; davon ist ja in der Bibel auch die Rede: ein klar geregeltes Abhängigkeitsverhältnis und nicht ganz so eng; damit hätte Gott sich manche Scherereien erspart. Oder er hätte einfach Freundschaft mit uns schließen können; auch das wäre lockerer, denn eine Freundschaft kann man notfalls kündigen. Aber all das hat Gott nicht genügt. Das war ihm zu weit weg von uns. Er wollte nicht weniger als unser Vater werden: in Jesus Christus, der ein Menschenkind geworden ist, damit wir Gottes Kinder werden! Durch dieses Gotteskind und Menschenkind in der Krippe, durch jenen Mann aus Nazareth, am Ende den Gekreuzigten und Auferstandenen hat Gott von sich aus sich so eng und unauflöslich an uns gebunden wie es überhaupt nur geht. Er hat uns zu seinen Kindern gemacht. Nicht mehr Geschöpfe nur, das sind alle Menschen, sondern – seit Weihnachten und durch den Christusglauben – Kinder Gottes. Das ist ein unermesslich schönes und starkes Geschenk. Weil die Frage „wem g‘hörsch Du?“ und „wo gehörst Du hin?“ eine neue Antwort bekommen hat – die mich auch gegenüber meiner Menschenfamilie in ein neues Verhältnis setzt und manchmal auch befreit: Gott hat mich adoptiert. Er hat sich ganz bewusst für mich entschieden. Er hat mich nicht einfach bekommen, so wie Eltern ihre Kinder bekommen und erst mal noch gar nicht wissen, was das wohl für einer werden wird. Nein, Gott hat Bescheid gewusst über uns und hat sich dann für uns entschieden. „Du bist mein geliebtes Kind“ – das Lied singen wir immer wieder bei Tauffeiern. „Du bist mein geliebtes Kind! Kinder dürfen kommen wie sie sind. Du bist mein geliebtes Kind; komm, tauch ein in meine Liebe. Du bist mein, ich vergebe Dir / umgebe dich / belebe Dich mit meiner Liebe!“ Gott hat sich entschieden und nimmt das nicht zurück, mit Erbrecht und allem drum und dran. Er hat Dich angenommen als sein geliebtes Kind und nimmt es nicht zurück. Gottes Entscheidung für Dich steht fest, unauflöslich. Gott hat sich festgelegt in Jesus Christus!

 

IV

Wir können das nicht immer wirklich glauben und begreifen, vor allem wenn wir mit uns selber hadern. Ein paar Anregungen zum Umgang mit unserer Unsicherheit:

>   „Rasmus und der Landstreicher“ lesen (Astrid Lindgren); der Waisenjunge erfährt immer wieder: potentielle Adoptiveltern wollen immer nur Mädchen mit blonden Locken, aber keinen Jungen mit glatten widerspenstigen Haaren. Das entspricht oft unserer Gemütslage: Gott kann mich nicht wirklich wollen, die anderen vielleicht bestimmt eher als mich, und nicht so wie ich gestrickt bin … – Gott will gerade dich! Rasmus bekommt am Ende auch seine Eltern, die gerade ihn und keinen anderen als ihr Kind annehmen möchten

>   Vaterunser – beten, die Anrede reicht schon aus. Mal nur mit dieser Anrede beten, Gott immer wieder so ansprechen

>   Brüder und Schwestern in der Großfamilie der Gemeinde schätzen und diese besondere Gemeinschaft pflegen

>   Abendmahl als Gemeinschaft am Familientisch erfahren

>   Nachlesen und Hinhören im 1. Johannesbrief: Der Autor jener Zeilen im ersten Johannesbrief hat um unsere Zweifel gewusst. Darum hat er jenes große Versprechen auch für seine Leser noch einmal deutlich unterstrichen: Seht, welche ein Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Wir sind es auch!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als wir begreifen, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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